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Everclear


 

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Biographie

Art Alexakis hat seinen Kopf schon immer irgendwie aus der Schlinge ziehen können. Als Sohn einer allein erziehenden Mutter hat er den Alltag im kalifornischen Culver City, wo er aufgewachsen ist, schon früh als Überlebenskampf erfahren. Ärmliche Verhältnisse, in denen die monatliche Miete kaum bezahlbar war, der Drogentod des Bruders, die eigene Heroinsucht…Art Alexakis hat schon einiges im Leben mitgemacht, er ist abgehärtet, aber sein scharfer Blick für die Kehrseiten des amerikanischen Traums ist umso sensibler.

Dieser unsichtbare Feind, nenn es das amerikanische Trauma, ist das avisierte Ziel von „Slow Motion Daydream“, dem jüngsten Album von Everclear, die mit ihrem knappen und beißenden Sound einige der scharfsinnigsten Einsichten in Songs gewuchtet haben, die man derzeit finden wird. Mit Alexakis als Gitarrist und Leadsänger, Greg Eklund am Schlagzeug und Craig Montoya am Bass nimmt sich das eingeschworene Trio auf seinem aktuellen Longplayer eine vertraut scheinende Welt vor, in der alle Bemühungen, ein normales Leben zu führen, immer komplizierter werden, während sich Paranoia und Vorurteile täglich vermehren.

"Dieses Album ist anders gelagert als die bisherigen", erklärt Alexakis. "Ich habe bis dato immer versucht, mich in meinen Lyrics mit politischen Ansichten zurückzuhalten, doch diesmal nicht. Ich habe mich einfach von meinem Gefühl leiten lassen und sage, was ich zu sagen habe. Dies ist eine Platte mit klaren Ansichten, schließlich leben wir in einer Zeit, in der es wichtig ist, sich öffentlich zu äußern."

Nach dem zwei Alben umfassenden Projekt "Songs From an American Movie Volume 1“" und "…Volume 2", die im Jahr 2000 veröffentlicht wurden, hat die Band auf "Slow Motion Daydream" nun wieder alle Energie gebündelt, und legt ein ebenso kompaktes wie kompromisslos hartes Werk vor, das durch seine dichte und dringliche Beredsamkeit besticht. 2Es ist ein ehrgeizigeres Album als American Movie", gibt Alexakis zu. "Die Band hört sich besser an als je zuvor, wir rocken und es sind ziemlich gemeine Gitarrenparts dabei. Ich hätte im Moment keine bessere Platte machen können, und ich bin darauf auch ganz schön stolz.2

Das Album schlägt zwar einen weiten Bogen vom akustisch angehauchten „Chrysanthemum“ zu gitarrengetränkten Ohrwürmern wie “Sunshine“ und der bissigen ersten Single „Volvo Driving Soccer Mom“, doch ist und bleibt jeder Song stets unverkennbar Everclear. Wenigen Bands gelingt es, Melodie, Aussage und ungeschliffene Kraft so zu vereinen wie Everclear; und so präzise und überzeugend wie auf dem von Alexakis und Lars Fox produzierten „Slow Motion Daydream“ haben auch sie bislang nicht geklungen.

Das lässt sich durchaus zurückführen auf die Lebensführung von Art Alexakis, respektive der schonungslosen Ehrlichkeit, mit der er dies schriftstellerisch ausdrückt. Als er 1991 San Francisco verließ und nach Portland, Oregon ging, befand er sich am Ende einer Reihe heftiger Konflikte, die ihn fast das Leben gekostet hätten. Vom Vater verlassen, einen geliebten Menschen verloren, eine Überdosis Drogen, sogar ein versuchter Selbstmord – diese Erfahrungen machten Alexakis nur noch stärker als er versuchte, in der Musikszene Fuß zu fassen und ein eigenes Label gründete. Die Band Everclear formierte er schließlich im selben Monat, in dem seine Tochter Anna geboren wurde.

„Ich brauche Druck von außen, dann blühe ich auf. Das habe ich wohl von meiner Mutter. Sie hatte einen Fließbandjob und eine harte Zeit als mein Vater uns verließ, denn er zahlte keine Alimente. Aber sie hat immer durchgehalten. Dadurch habe ich gelernt, wie wichtig Verantwortung und Respekt sind – auch wenn ich das erst mit Anfang 20 wirklich begriffen habe. Da merkte ich, dass man für sich selbst verantwortlich ist, an sich arbeiten muss.“

Vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen schrieb Alexakis die Songs für Everclear, und schon das Debüt „Sparkle and Fade“ überzeugte mit der Mischung aus Offenheit und Kunstfertigkeit sowohl die Kritiker als auch Legionen von Fans, die hier einen Spiegel ihres eigenen Lebens fanden. „Sparkle and Fade“ erreichte 1996 Platinstatus, der Nachfolger „So Much for the Afterglow“ von 1998 sogar Doppelplatin. Zum Ende des Jahrhunderts war Everclear ein Rockphänomen, beliebt sowohl wegen seiner Integrität als auch wegen der ungezügelten Liveauftritte.

Die American Movie-Alben, der Platin-Seller „Learning How to Smile“ und das noch lautere Pendant „Good Time For A Bad Attitude“, waren ebenfalls höchst erfolgreich, aber Alexakis hatte sich schon weiter entwickelt. Als Ehemann und Vater hatte er eine Ausgeglichenheit gefunden, die ihm vorher gefehlt hatte. Er sah die Dinge nun ein wenig anders, hatte seinen Horizont erweitert und bezog nicht mehr nur sein eigenes ‚verkorkstes‘ Leben ein.

„Der amerikanische Alltag beschäftigt mich derzeit wahrscheinlich mehr als alles andere. Die Zeiten werden härter, das merken alle. Die Reichen werden noch reicher, die Armen ärmer, es gibt keine Mittelschicht mehr. Arbeitslose überall, Akademiker, die Hamburger verkaufen. Ich kann nicht Songs schreiben und die Verhältnisse der letzten zwei Jahre ignorieren. Es ist kein Konzeptalbum, aber es wird von einem Themenkomplex bestimmt. Ich mag die Alben meiner Kindheit, aus den 60ern, 70ern und frühen 80ern, die irgendwie eine Einheit bildeten – selbst Balladen und Punksongs passen zusammen, wenn sie einen ähnlichen Ausgangspunkt haben. Ein Song kann von Sex handeln, der nächste von Politik, und doch, wenn eine klare Stimme dahinter ist, macht auch alles Sinn.“

So verhält es sich mit „Slow Motion Daydream“, dessen Songs alle von Menschen handeln, die nach dem Licht im Tunnel suchen, auch wenn es um sie herum immer dunkler wird. Manchmal ist der Schurke schnell ausgemacht: In dem treibenden „Blackjack“ etwa wird der erzkonservative Justizminister John Ashcroft als Scary John beschrieben, der „this is your American dream“ skandiert, während er gleichzeitig die Rechte seiner Landsleute mit Füßen tritt. „Wir sind inzwischen sehr autoritätsgläubig und das finde ich gefährlich“, beklagt Alexakis und fordert: „Wir sollten uns an den 60ern orientieren, als die Leute alles in Frage stellten.“

Andere Songs beschäftigen sich eher mit der seelischen Befindlichkeit. „I Hope I Die A Beautiful Death“ etwa befasst sich mit dem romantisierenden Totenkult um Idole wie Kurt Cobain und James Dean; „TV Show“ erzählt von einem gebrochenen Menschen und der verführerischen Scheinwelt der Medien; „Volvo Driving Soccer Mom“ wiederum zeigt eine gealterte Frau aus den Vorstädten, die ihren wilden Jugendjahren nachtrauert – allesamt Songs, die sich mit der Entfremdung der Menschen beschäftigen, wobei Alexakis noch der bittersten Situation ein positives Element entlockt.

„Vielleicht ist die Fußballmama realer als das wilde Kind“, sinniert er. „Jeder Pornostar und jeder tätowierte Freak birgt einen Normalo in sich. Ich bin eigentlich ein Fußballpapi: ein ehemaliger drogenabhängiger Punk aus einem sozialen Brennpunkt - und letzte Woche stand ich am Spielfeldrand und habe meiner Tochter beim Fußball zugejubelt. Obwohl wir alle Uniformen tragen, können wir doch eine gemeinsame Ebene finden, denn wir entwickeln uns ja auch alle weiter.“

Manchmal scheint es allerdings zu spät. „Sunshine“ zeichnet eine besonders tragische Gestalt, deren Delirium dem Album seinen Titel lieh. „Es handelt von jemandem, der nicht nur ab und zu mal high sein will, sondern das als Dauerzustand braucht. Sich in diesem Slowmotion Tagtraum zu verlieren, ist zugleich verlockend und gefährlich. Man braucht sich keine Sorgen machen um solche Dinge wie Schulveranstaltungen, Rechnungen oder Mittelohrentzündung. Es ist in Ordnung, mit 15 noch Idealen nachzuhängen, aber wenn man erwachsen ist, muss man Prioritäten setzen und sich auf die wichtigen Dinge konzentrieren.“

Und dies bedeutet für Alexakis in erster Linie, die Verantwortung für die Liebsten zu übernehmen und ihnen auf ihrem eigenen Lebensweg zu helfen. „Chrysanthemum“ ist der kürzeste Song des Albums – vielleicht auch, weil er etwas anspricht, was Alexakis selbst grauenerregend findet: der brutale Doppelmord an den beiden Teenagern Ashley Pond und Miranda Gaddis. „Meine Tochter ist ja auch zehn Jahre alt, und die beiden Mädchen wurden in Oregon City entführt, das ist knapp 20 Meilen von uns entfernt. Was würde ich machen, wenn meine Tochter eines Tages nicht mehr nach Hause käme? Ich würde den Verstand verlieren. Das versuche ich in ‚Chrysanthemum’ anzusprechen.“ 90 Sekunden, die einem Schauer über den Rücken jagen – zart und zerbrechlich, mit Straßenlärm aus weiter Ferne, unterlegt mit einer trauernden Akkordeonmelodie, ist dies vielleicht der erschütternste Moment auf dem Album.

"Slow Motion Daydream" endet jedoch mit einem Hoffnungsschimmer. "'New York Times' bringt das ganze Album zusammen. Es hat alles in sich, den Optimismus und den Pessimismus. Eigentlich steckt in fast allem, was ich schreibe, etwas Hoffnung." Selbst in chaotischen Zeiten lässt sich etwas finden, was Sinn macht – das ist die Aussage von "Slow Motion Daydream" und das macht das vorliegende Album zum Kulminationspunkt einer Biographie, die oftmals nur von Hoffnung vorangetrieben wurde. "Ich weiß nicht, warum ich nicht gestorben bin", wundert sich Alexakis. "Menschen können von einer Sekunde auf die andere weg sein, so schnell erlischt ein Leben. Aber ich habe mit 21 eine Überdosis überlebt. Es war fünf Uhr morgens und ich wurde nur gefunden, weil ein Trucker bei sich zuhause aufs Klo wollte. Sonst wäre ich jetzt tot. Und deswegen glaube ich, dass alles, was passiert, einen Grund hat. Es gibt eine spirituelle Ebene – den Leuten passieren Dinge, auch Negatives, weil sie daran wachsen sollen – es ist ein Lernprozess."

 

 



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