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Jason Segel
| Biographie |
Zum Schattenbild des Scheiterns gehört das noch ungetrübte Bild des Aufbruchs. Da macht sich einer auf den Weg, um einen Traum zu verwirklichen. Das Ziel liegt in der Ferne: ein horizontales Traumbild von magnetischer Anziehungskraft. Jason bricht auf mit Macht, umhüllt von der Aura des Siegers. Er ist der Propagandist seiner Idee: er braucht das ferne Goldene Vlies, um sein Königreich wiederzuerlangen. Er ist der Kommunikator, dem es gelingt, die Heroen seiner Zeit unter seinem Kommando zu vereinigen und für sein großes Ziel einzuspannen. Aber er gelangt ins ferne Kolchis, also an den Rand der Welt, nur mit Hilfe der Götter. Es ist Medea, die ihm in entscheidenden Momenten beisteht. Er erlangt das Goldene Vlies nur mit fremder Hilfe. Der strahlenden Macht des Aufbruchs folgt die allmähliche Demontage. Das Erreichen des Ziels, Heimreise und Ankunft in Griechenland bilden eine Spirale der Katastrophe. Jason ist ein unvollkommener, ein gebrochener Held. Die Bedeutung dieser Figur liegt nicht vordergründig im Gestus des Aufbruchs und dem Wunschbild allein. Im Doppelgesicht seines Schicksals, in der Helle des Beginnens und dem Dunkel seines Scheiterns liegt utopisches Potential und die Chance der Katarsis in Form der Selbstreflexion für den heutigen Menschen.
Diese Überlegungen sind Ergebnis einer längeren künstlerischen Auseinandersetzung seit 1990 mit dem Mythos der Argonauten. Das Interesse an der Figur des Jason stand zunächst im Vordergrund. Der Konflikt mit Medea rückte erst später in der eigentlichen Entstehungsphase der im März dieses Jahres uraufgeführten Kammeroper Jason und Medea / Schwarz überwölbt Rot ins Zentrum.
Das Moment des Scheiterns sollte der zentrale musikalische Gestus werden. Außerdem interessierte die Frage, kann der Augenblick der Niederlage noch Elemente des Utopischen, wenn auch nur in Resten, in sich tragen. Das musikalische Material sollte den Augenblick des Aufbrechens, des Scheiterns und Zerfallens aber auch den Ansatz zu einer möglichen Weiterentwicklung des gesetzten Gedankens zu einem Gestus bündeln: der Gestus als hauptsächliche Ausdrucksebene und form- und strukturbildendes Element.
Die Jason-Studie für Streichquartett, geschrieben 1991, war die erste Etappe. Grundlage dieser Komposition bildeten zwei Werkfragmente. Die Torsi eines Streichtrios und eines abgebrochenen Quartetts wurden ineinander verkeilt. Das Stück beginnt mit einer Kraftmetapher, als Chiffre des Ausfahrens. Im Verlauf des Stücks zerfließt diese wie ein Trugbild bei näherem Augenschein, denn Jason gelangt eigentlich blind, geführt vom Zufall und ohne eigenes Zutun an sein Ziel mit Hilfe des mythischen Schiffes Argo, seiner mythischen Begleiter und einer Frau, die er nicht gesucht hat, Medea. So wandelt sich diese Figur vom Kraftvollen ins Träumerische, zerfasert, zerrinnt.
Die wesentliche Kerne der Gestalt verändern sich ständig. Das einmal Gesetzte mutiert auf irreguläre Weise, wuchert aus. Ordnungsprinzipien kommen nur fragmentarisch und an wenigen Stellen vor. Sie gelten, wenn überhaupt, nur für die momentane Situation. Das Aufschießende, das Aufschäumende des Beginnens wird komprimiert zu einem Zucken. Die Momente des Zerfallens und des Zerfaserns gewinnen strukturell an Gewicht. Im Verlauf des Erscheinens der Kraftmetapher gibt es also den Prozeß der Verkürzung und des Ausglühens. Die Gestalt wird in ihrem gestischen Potential umgepolt.
Die zweite Etappe in der Annäherung an den Argonauten-Stoff war dann 1993 der Jason - Essay für sieben Musiker. Das Stück wird durch einen Prolog der drei Streicher, der nach dem eigentlichen Essay komponiert wurde, in eine szenische Situation gestellt. Es wird soetwas wie eine Geschichte in Bruchstücken ausgesponnen, die fiktive Geschichte der Jason-Figur. Die Klanggestik aus dem Streichquartett ist im Kern noch vorhanden. Im Essay wird die gestische Figur wie von einem harten Licht getroffen zum schroffen Gegensatz von Aufbruch und Zusammensturz. |
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