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Portishead
| Biographie |
Portishead , 1993 im englischen Bristol gegründet, sahen sich selbst als "langweilige Leute, die Musik machen". Die Musik der Formation war alles andere als langweilig: Ein Theremin jaulte seine schaurig-schönen Sinustöne, Rhodes-Klänge waberten, knisternde Bassdrum-Samples vereinigten sich mit blechern scheppernder Percussion zu einer dürren Schlagzeugbegleitung, Scratches quakten dazwischen. Über diesem langsam dahinfließenden Gemisch rätselhafter, unheimlicher Klänge schwebte die zerbrechliche Stimme von Beth Gibbons, die depressive Texte wie "Es hört mich niemand, wie sehr ich auch schreie" sang. "Beth weiß, was sie mit ihren Texten sagen will", versicherte ihr Partner Geoff Barrow, "ich bin mir aber nicht sicher, ob ich alles verstehe." Barrow, am 9. Dezember 1971 in Walton-In-Gordano, Avon, geboren, war in dem verschlafenen Nest Portishead in der Nähe der britischen Stadt Bristol aufgewachsen, hatte in einer konventionellen Rockband Schlagzeug gespielt und gelegentlich als Discjockey gearbeitet. Die Berührung mit House und Dub motivierte ihn, sich intensiv mit Studioelektronik, Synthesizern und Samplern zu beschäftigen. Ein Job im Coach House Studio in Bristol bot ihm gleich zwei Chancen: Er lernte die Arbeitsweise von Massive Attack kennen, die dort ihr erstes Album aufnahmen, und konnte sich nachts selbst an die Regler setzen, um mit seiner eigenen Musik zu experimentieren. Für Massive Attack kochte er zwar nur Tee und holte die Bänder aus dem Lager, seine Mischpultexperimente fielen aber einem Freund von Neneh Cherry auf, der ihn an Cherrys Album Homebrew (1992) mitarbeiten ließ. Someday auf Cherrys Platte nahm atmosphärisch einiges von dem vorweg, was Barrow später mit Portishead ausformulierte; das knisternde Zitat aus der Mondscheinsonate von Ludwig van Beethoven am Anfang des Stückes ging auf Co-Autor Barrow zurück. Barrow meldete sich arbeitslos und gründete eine eigene Produktionsfirma. Pflichtgemäß nahm er an einem Fortbildungskurs des Arbeitsamtes teil, wo er Beth Gibbons (voc), geboren am 4. Januar 1965 in Devon, kennenlernte. Die Sängerin arbeitete zwar noch als Grafik-Designerin, wollte aber unbedingt professionell Musik machen. So hatte sie schon in einer Band Titel von Janis Joplin und Fleetwood Mac gesungen, interessierte sich aber weit mehr für Jazz. Dennoch tat sich das ungleiche Duo zusammen. Cherry und ihr Mann Cameron McVey ließen die beiden in ihrem Heimstudio aufnehmen, doch kam zunächst nichts Vorzeigbares zustande. Erst als sie gemeinsam an dem Film "To Kill a Dead Man" arbeiteten, gewannen die Kompositionen des Duos Form; einige der Songs erschienen später auf dem Erstling der Band, Dummy (1994). Barrow hatte bei seiner Studioarbeit den Gitarristen Adrian Utley und den Toningenieur Dave MacDonald kennengelernt, der mit den Jazz Messengers, Big John Patton, Dick Morrissey zusammengearbeitet hatte. Das Quartett produzierte gemeinsam ein Demoband und verschickte es an mehrere Plattenfirmen. Das Unterlabel Go! Beat der Firma Go! Disc gab Gibbons und Barrow einen Vertrag, den die beiden Musiker als Portishead unterschrieben; MacDonald und Utley nahmen eine seltsame Zwischenstellung als Bandmitglieder sowie als Berater ein. Parallel zu der Arbeit an "To Kill a Dead Man" entstand das erste Album der Gruppe. Formal bot die Musik Barrows weder Neues noch Ungewöhnliches: Roads und Glory Box beispielsweise basierten auf einem ähnlichen harmonischen Schema, einem abgegriffenen viertaktigen Riff, wie es zweitklassige Heavy Metal-Bands als Ostinato für ausufernde Gitarrensoli benutzten. Morricone-Verehrer Barrow legte über die langsam absteigenden Baßtöne breite Streicherklänge, Reminiszenzen an die besonders traurigen und sentimentalen Szenen beliebiger Italo-Western. Gibbons schärfte das weiche Klanggerippe mit ihrem in der Rockmusik singulären Gesang und Texten, für die das Wort Melancholie ein Euphemismus war. "Ich wurde nicht sexuell mißbraucht", wehrte die Sängerin tiefgründelnde Nachfragen ab, "und daß meine Eltern geschieden sind, tut nichts zur Sache." Dummy war vom Start weg so erfolgreich, daß Portishead als die Protagonisten des Trip Hop galten, dessen Maßstäbe sie setzten. Nach einem Jahr hatte die Band zwei Millionen Platten verkauft. Beinahe über Nacht sahen sich Barrow und Gibbons größtem Druck ausgesetzt: Konzerte geben, zweite Platte aufnehmen, Interviews tolerieren, Public Relations vorantreiben. Das Duo entzog sich auf seine Weise. Die Musiker arbeiteten an der Live-Übersetzung ihrer Platte, engagierten den Bassisten Jim Barr, den Keyboarder John Baggott für Mellotron, Rhodes-Piano und Hammondorgel sowie Clive Deemer, der die vielen Samples von Lalo Schifrin, Weather Report, Isaac Hayes und anderen einspielte. Die bleiche Beth Gibbons, die sich beharrlich weigerte, Interviews zu geben, stand, in blaues und weißes Licht getaucht, vor der Band, umklammerte mit beiden Händen inbrünstig das Mikrofon und sang. Barrow, der sich nur ungern fotografieren ließ, sah die Konzerte nur als Durchgangsstadium. Bei der Vorbereitung für das zweite Album erfaßte ihn eine Kreativitätskrise: "Ich ging ein Jahr lang jeden Tag ins Studio, und nichts lief. Trotzdem habe ich jeden Tag gearbeitet. Für mich war es die Hölle."
Um jeden Preis forderte er von sich, sich nicht zu wiederholen: Für das Album Portishead (1997) nahm er Musikfetzen auf Tonbandkassetten auf oder ließ sie auf Vinyl pressen, um sie dann als verschlissene Sample-Soundstücke in die neuen Kompositionen einzufügen. Die Stimme von Beth Gibbons verzerrte er mitunter unerträglich, jagte sie durch ein Leslie, gab ihr den Nachhall eines leeren Kellers und machte damit deutlich, daß auch diese Stimme ihm Material war. Sie stand neben den Erinnerungen an B-Movie-Soundtracks, Orchesterklängen, Hinweisen auf den Soul der Sechziger und auf den Jazz der Vierziger. Der Musikindustrie, die nun begann, die Gruppe zu hofieren, begegnete Portishead mit unverhohlener Abneigung: Bei Top of the Pops wollten sie schon früher nicht mitmachen, für die Brit Awards nicht auf die Bühne gehen. Sich selbst treu bleiben wurde der Band zum Credo. "Ich weiß nicht, wie man "Erfolg macht"", beteuerte Barrow, "und ich werde mit Sicherheit keine Platte herausbringen, die ich nicht wirklich gut finde."
Mit dem Mitschnitt des Konzerts seines Triumvirats mit einem um Holz- und Blechbläser erweiterten 30köpfigen Streichorchesters am 24. Juli 1997 im New Yorker Roseland Ballroom waren er wie auch die Kritiker zufrieden. Hier wirkten Portisheads "düstere Trip Hop-Symphonien wärmer als im Original, ohne jedoch auch nur ein Quentchen ihres beklemmenden, klaustrophobischen Charakters einzubüßen", schrieb Christof Hammer in "Stereoplay" über die um je einen Titel aus San Francisco (Sour Times) und dem norwegischen Kristiansand (Roads) erweiterte CD Roseland NYC Live (1998). Danach wurde es still um Portishead. Erst 2002 kehrte Beth Gibbons gemeinsam mit Paul Webb von Talk Talk auf dem Album Out Of Season zurück. Ein sentimentaler Trip fernab aller Trends, auf dem die Sängerin ihre pastellen vokalen Abstimmungen noch charismatischer als mit Portishead zur Geltung bringen konnte. |
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